Die Stabilität unserer Stromnetze wird häufig im Zusammenhang mit Netzengpässen, Redispatch-Maßnahmen oder dem Ausbau der Infrastruktur diskutiert. Weniger im Fokus steht dagegen die Spannungshaltung. Dabei ist sie eine zentrale Voraussetzung für ein sicheres und zuverlässiges Energiesystem. Eine Schlüsselrolle übernimmt hierbei das Blindleistungsmanagement. Ohne ausreichend verfügbare Blindleistung lassen sich Spannungen im Netz nicht zuverlässig stabilisieren, was langfristig die Versorgungssicherheit gefährden kann.
Die Energiewende verändert die Anforderungen an die Spannungshaltung
Mit dem zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien und der fortschreitenden Elektrifizierung wandelt sich das Stromsystem grundlegend. Gleichzeitig gehen konventionelle Kraftwerke, die bislang einen wesentlichen Beitrag zur Bereitstellung und Steuerung von Blindleistung geleistet haben, zunehmend vom Netz. Die Leistungsflüsse verändern sich auf allen Spannungsebenen und stellen Netzbetreiber vor neue Herausforderungen.
Dabei entstehen unterschiedliche spannungstechnische Situationen:
- In gering ausgelasteten Verteilnetzen können insbesondere kabeldominierte Netze zu Spannungsanhebungen führen.
- In hoch ausgelasteten Übertragungs- und Verteilnetzen treten dagegen Spannungsabsenkungen auf, insbesondere an erzeugungsfernen Standorten mit stark belasteten Freileitungen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die aktive Nutzung von Blindleistungspotenzialen aus Speichern, Erzeugungsanlagen und Verbrauchern zunehmend an Bedeutung.
Marktgestützte Beschaffung erschließt zusätzliche Potenziale
Neben den bereits bestehenden Vorgaben aus Technischen Anschlussregeln (TAR) und Technischen Anschlussbedingungen (TAB) kann eine marktgestützte Beschaffung von Blindleistung dazu beitragen, zusätzliche Potenziale zu erschließen und vorhandene Ressourcen effizienter einzusetzen.
Viele Anlagen verfügen bereits heute über technische Möglichkeiten zur Bereitstellung von Blindleistung. Zusätzliche Potenziale können häufig mit überschaubaren Investitionen aktiviert werden und einen wichtigen Beitrag zur Spannungshaltung leisten. Dadurch lassen sich notwendige Netzmaßnahmen teilweise reduzieren und vorhandene Flexibilitäten besser nutzen.
Vorhandene Potenziale werden noch nicht vollständig genutzt
Blindleistung ist vielerorts bereits verfügbar, wird jedoch bislang nicht konsequent ausgeschöpft. Unterschiedliche technische Anforderungen, fehlende Standardisierung bei Beschaffungsprozessen sowie eine begrenzte Transparenz über tatsächliche Netzbedarfe erschweren die Entwicklung eines funktionierenden Marktes.
Zudem fehlt vielen Anlagenbetreibern die notwendige Planungssicherheit, um Investitionen in zusätzliche Blindleistungsfähigkeiten wirtschaftlich abzusichern. Die Folge ist, dass vorhandene Potenziale ungenutzt bleiben und sich der Wettbewerb nur begrenzt entwickeln kann.
Drei Hebel für einen leistungsfähigen Blindleistungsmarkt
Um die in Speichern, Erzeugungsanlagen und Verbrauchseinrichtungen vorhandenen Blindleistungspotenziale besser zu erschließen, sind kurzfristig insbesondere drei Maßnahmen erforderlich:
- Mehr Transparenz über Netzbedarfe und tatsächliche Abrufe,
- Einheitliche und klar definierte Markt- und Produktstrukturen,
- Verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen für Investitionen.
Viele dieser Verbesserungen lassen sich bereits innerhalb des bestehenden gesetzlichen und regulatorischen Rahmens umsetzen. Mittelfristig sollten darüber hinaus weitere Maßnahmen geprüft werden, um das verfügbare Potenzial vollständig auszuschöpfen und volkswirtschaftliche Kosten zu begrenzen.
Blindleistung als Baustein des zukünftigen Energiesystems
Die effiziente Bereitstellung von Blindleistung entwickelt sich zu einem wesentlichen Baustein für die Sicherheit und Stabilität des zukünftigen Energiesystems. Gleichzeitig wird sie zu einem wichtigen Erfolgsfaktor der Energiewende. Damit vorhandene Flexibilitäten optimal genutzt werden können, müssen jetzt die richtigen regulatorischen und marktlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Unsere Experten Dr. Henrik Schwaeppe, Jennifer Büter und Gerald Blumberg bringen ihre Perspektiven und Erfahrungen gerne in die aktuelle Diskussion ein.

